Die Leitplanken sind weg. Die Kurve ist noch da.
Das Gebäudeenergiegesetz soll abgelöst werden. An seine Stelle tritt ein Gebäudemodernisierungsgesetz, das auf Technologieoffenheit und Eigenverantwortung setzt. Gas- und Ölheizungen bleiben beim Heizungstausch möglich. Die 65-Prozent-Regelung soll entfallen. Die Entscheidung liegt künftig stärker bei den Eigentümern. Das klingt nach Freiheit. Und es ist auch Freiheit. Aber Freiheit ohne Orientierung ist kein Geschenk. Sie wird schnell zur Zumutung.
Denn die Entscheidung, die jemand heute beim Heizungstausch trifft, wirkt 15 bis 20 Jahre. Wer jetzt eine Gasheizung einbaut, tut das nicht für diesen Winter. Sondern für die 2030er und 2040er Jahre – in denen CO₂-Preise steigen, Biomethan knapp bleibt und die Betriebskosten fossiler Systeme absehbar zunehmen werden.
Das Gesetz sagt: Du darfst. Die Physik sagt: Überleg es dir gut.
Wir sagen das nicht, weil wir gegen Entscheidungsfreiheit wären. Im Gegenteil. Aber Freiheit braucht Grundlagen. Sie braucht belastbare Zahlen, ehrliche Szenarien und jemanden, der die richtigen Fragen stellt, bevor die Unterschrift unter dem Angebot steht.
Genau das ist in den letzten Jahren zu kurz gekommen – und weniger Regulierung löst dieses Problem nicht automatisch. Das alte GEG hatte echte Schwächen: zu kleinteilig, zu bürokratisch, in der Praxis oft schwer vermittelbar. Aber es hatte eine Richtung. Das neue Gesetz schafft Spielraum. Ob daraus gute Entscheidungen werden, hängt jetzt davon ab, wer diesen Spielraum mit Substanz füllt.
Die kommunale Wärmeplanung läuft. Die Förderlandschaft bleibt bestehen. Die wirtschaftlichen Vorteile von Sanierung und Wärmepumpe verschwinden nicht, nur weil ein Gesetz sie nicht mehr vorgibt.
Wer sein Gebäude als System versteht – Hülle, Technik, Betrieb, Kosten – wird auch ohne Leitplanken auf der Straße bleiben.
Die Frage ist nicht, ob wir entscheiden dürfen. Sondern, ob wir verstehen, was wir entscheiden.



